Ist Kitesurfen gefährlich?
Ja, es kann richtig schiefgehen. Und es geht fast immer aus denselben drei Gründen schief: Der Wind stand falsch, es war zu viel davon, oder da lag etwas Hartes an der Stelle, zu der dich der Wind getrieben hat. Alle drei kannst du vorher sehen.
RatgeberMit Zahlen aus niederländischen Studien und den Ratschlägen der KNRM, der niederländischen Seenotrettung8 Minuten Lesezeit
Was dir passiert, hängt mehr vom Ort und vom Tag ab als davon, wie gut du bist. Ein guter Kiter an einem ablandigen Tag trägt mehr Risiko als ein Anfänger bei 18 Knoten schräg auflandig. Erfahrene Kiter wählen deshalb zuerst den Tag und erst dann den Trick.
Zuerst die Zahlen, denn die gibt es. Ärzte eines Krankenhauses an der Nordseeküste hielten zwei Jahre lang fest, wer mit einer Surfverletzung zu ihnen kam. Sie zählten 7 Verletzungen pro tausend Stunden Kitesurfen, gegenüber 5,2 beim Windsurfen.1 Eine spätere Umfrage unter 194 niederländischen Kitern kam auf einen höheren Wert.
10,5Verletzungen pro 1000 Stunden auf dem Wasser
177 Verletzungen in 16.816 Stunden auf dem Wasser. Die Forscher schreiben dazu: "Most injuries are relatively mild, although kitesurfing has the potential to cause serious injuries." Die meisten Verletzungen sind also eher leicht, aber es kann auch schlimm ausgehen.
Van Bergen und Kollegen, World Journal of Orthopedics, 2020.2
Was sagt so eine Zahl? Fährst du fünfzig Stunden im Jahr, ziehst du dir im Schnitt jedes zweite Jahr etwas zu, und meistens ist das ein Schnitt oder eine Prellung. Darüber macht sich niemand Sorgen. Es geht um die seltenen Male, in denen es wirklich schiefgeht, denn dann geht es richtig schief. Darum geht es im Rest dieses Artikels.
01Ablandiger Wind
Dieses Wort schlagen die Leute am häufigsten nach, meistens nachdem es jemand am Strand hat fallen lassen. Der Unterschied ist einfach. Auflandiger Wind weht vom Meer aufs Land und drückt dich zum Strand. Geht etwas kaputt, wirst du angespült. Ablandiger Wind weht vom Land aufs Meer. Fällt dein Kite, treibst du vom Ufer weg, und zurückschwimmen musst du gegen den Wind, mit einem Kite, der hinter dir herzieht.
Dreh den Wind über dem Strand
45 Grad
Das Tückische ist, dass sich ablandiger Wind am Wasser angenehm anfühlt. Das Wasser ist glatt, es gibt keine Wellen, die dich umwerfen, und keine Brandung, durch die du durchmusst. Du merkst erst, was los ist, wenn du hundert Meter vom Ufer weg bist.
Offshore-Wind ist in 99% der Fälle ein echtes NO-GO! (übersetzt)
Ablandiger Wind ist außerdem fast immer böig, denn er kommt über Häuser, Dünen und Bäume. Hinter jedem Hindernis ist ein Loch. Kurz vor dem Strand bricht der Wind dann alle halbe Minute ein und zieht wieder an, genau dort, wo du ihn nicht verlieren willst.
Die KNRM, die die Kiter am Ende aus dem Meer holt, sagt es so: Surfen ist "meistens nur möglich und schön bei auflandigem oder schräg auflandigem Wind. So kannst du immer zu der Stelle zurückkehren, an der du ins Wasser gegangen bist." (übersetzt)4
02So bewertet diese Seite den Windwinkel
Für jeden der 63 Spots auf Kitewind ist festgelegt, aus welchen Richtungen der Wind sicher ist. Die Vorhersage berechnet für jede Stunde, wie der Wind zum Strand steht, und gibt dem einen Namen:
| Winkel | Name | So fährt es sich |
|---|---|---|
| 0 bis 20° | Gerade auf den Strand | Sicher, aber Starten und Landen ist anstrengend. |
| 20 bis 70° | Schräg auf den Strand | Der schönste Winkel. Du fährst leicht hin und her und wirst zum Ufer geschoben. |
| 70 bis 90° | Parallel zum Strand | Gut zu fahren, aber bleib nah am Ufer. |
| über 90° | Ablandig | Der Wind weht vom Strand aufs Meer hinaus. |
Steht der Wind ablandig, wird die Stunde orange und zählt nicht als Session, egal wie schön der Wind ist. Ein paar Spots haben durch ihre Form eine zweite sichere Seite, zum Beispiel eine Halbinsel mit einer Lagune dahinter. Dort sagt dir die Seite dazu, welche Seite du nutzen kannst.
03Zu viel Wind
Der zweite Grund. Die Grenze auf dieser Seite ist hart: über 40 Knoten zählt eine Stunde nicht mehr mit, egal was sonst passt. Zwischen 30 und 40 Knoten kann es gut gehen, mit einem kleinen Kite und einem wachsamen Blick auf die Böen.
Die 40 ist kein Gesetz. Es ist der Punkt, an dem auch erfahrene Kiter mit ihrem kleinsten Kite keine Reserve mehr haben. Eine Kiteschule schreibt es in ihrem Handbuch genauso: "We don't recommend going out in wind greater than 40 knots. There is little margin for error in high winds".11 Eine niederländische Schule setzt für Anfänger 28 Knoten als Obergrenze an und schreibt, dass darüber nur sehr fortgeschrittene Kiter noch aufs Wasser gehen.12 Für die meisten Leute ist 30 also schon das Maximum.
Zu viel Wind ist gefährlicher als zu wenig, weil der Fehler in die falsche Richtung fällt. Bei zu wenig Wind stehst du still und ärgerst dich. Bei zu viel Wind wirst du hochgehoben, manchmal schon am Strand, und dann ist da kein Wasser, auf dem du landen kannst. Kiter nennen das Lofting. Eine Übersichtsarbeit über die gesamte Forschung nennt als wichtigste Ursachen für Verletzungen "uncontrolled actions and unsuccessful tricks and jumps with poor landings": Aktionen, bei denen du die Kontrolle verlierst, und Sprünge mit einer schlechten Landung.5
04Böen, die Zahl, die viele überspringen
Im Schnitt 22 Knoten mit Spitzen bis 40 ist ein ganz anderer Tag als konstante 22. Auf dieser Seite gilt eine Stunde als böig, sobald die Böen über dem 1,8-Fachen des Mittelwerts liegen, und über dem 1,6-Fachen empfiehlt sie eine Größe kleiner. Normal ist das nicht: Über 485 Stunden Tageslicht bei Hoek van Holland lag die Spitze meistens um das 1,4-Fache des Windes. Siehst du eine höhere Zahl, nimm sie ernst.
05Was am Ufer liegt
Der dritte Grund, und der einzige, den keine App für dich prüfen kann. Wind, der dich zum Ufer drückt, ist sicher, solange dieses Ufer aus Sand ist. Buhnen, eine Strandbar, ein Deich aus Basalt, ein Pier oder ein Parkplatz machen aus demselben Wind ein Problem. Geh, bevor du aufbaust, einmal zur Wasserlinie, schau in Windrichtung und frag dich, wo du landest, wenn alles schiefgeht.
06Was das Risiko wirklich senkt
Fang mit Unterricht an. Eine Studie unter gut dreitausend Kitern zählte bei Anfängern 65 schwere Verletzungen pro tausend Stunden und bei Profis 1,1.6 Deine ersten Stunden sind also mit Abstand deine gefährlichsten, und genau die verbringst du bei einer Schule mit jemandem neben dir.
Kenn deinen Quick Release. In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2004 kam mehr als die Hälfte der Verletzungen daher, dass der Kiter seinen Kite nicht loswurde, als er die Kontrolle verlor.7 Das war in der Zeit der ersten Systeme. Ein Wundermittel ist er auch heute nicht: Eine kleinere Studie aus dem Jahr 2025 fand keinen Unterschied bei den Verletzungen zwischen Kitern mit und ohne.10 Das Ding funktioniert nur, wenn deine Hand weiß, wohin sie muss. Die KNRM hat dafür eine feste Regel:
Prüf vor jeder Session, ob dein QR funktioniert, und check deine Safety Leash. Du musst sie blind finden und bedienen können. (übersetzt)
Dass es auch andersherum gehen kann, erzählt Ruben Lenten, einer der bekanntesten Kiter der Niederlande. Er erwischte bei einem Sprung aus Versehen seinen Quick Release, fiel acht Meter tief und brach sich den Knöchel an zwanzig Stellen.8 Zu wissen, wo das Ding sitzt, heißt also auch zu wissen, wo deine Hand nicht hinkommen darf.
Geh nicht allein. "Unser wichtigster Rat: Geh nie allein surfen" (übersetzt), schreibt die KNRM.4 An einem vollen Spot sieht es jemand, wenn du abtreibst.
Schau, was die anderen aufbauen. Fliegen alle eine 7, während du eine 12 ausrollst, dann wissen sie etwas, was du noch nicht weißt.
Und wähl den Tag. Einen Tag auszulassen kostet nichts, denn an der niederländischen Küste weht es fast jede Woche mal. Lenten, der dafür bekannt wurde, in Stürmen zu fahren, sagte einmal dazu:
What helps me a lot is to be physically, mentally and gear wise prepared. I know exactly what I can do.
Der Windrechner zeigt pro Stunde den Wind, den Windwinkel, die Böen und die Strömung nebeneinander, mit den echten Messstationen dazu, für 63 Spots an der niederländischen Küste.
07Weiterlesen
- Kitesurfen lernen. Wo du anfängst und von wem du es lernst.
- Wie viel Wind brauchst du. Die Untergrenze, und warum sie von Mensch zu Mensch verschieden ist.
- Welche Kitegröße bei welchem Wind. Die ganze Tabelle, von 50 bis 100 Kilo.
Wörter in diesem Artikel
Quellen
- Van Bergen, Commandeur, Weber, Haverkamp und Breederveld, "Windsurfing vs kitesurfing: injuries at the North Sea over a 2-year period", World Journal of Orthopedics, 2016. PubMed
- Van Bergen, Weber, Kraal, Kerkhoffs und Haverkamp, World Journal of Orthopedics, 2020. PubMed
- Nederlandse Kitesurf Vereniging, "Externe omstandigheden" (Äußere Bedingungen, niederländisch). kitesurfvereniging.nl
- KNRM und Nederlandse Kitesurf Vereniging, "Tips voor surfers" (Tipps für Surfer, niederländisch). knrm.nl
- Bourgois, Boone, Callewaert, Tipton und Tallir, Sports Medicine, 2014. PubMed
- Offerhaus und Kollegen, BMC Sports Science, Medicine and Rehabilitation, 2026. Die Kiter haben im Nachhinein selbst angegeben, was ihnen passiert ist, die Zahl für Anfänger ist also grob. PubMed
- Nickel, Zernial, Musahl, Hansen, Zantop und Petersen, American Journal of Sports Medicine, 2004. PubMed
- Ruben Lenten in IKSURFMAG, Ausgabe 81, 2020. iksurfmag.com
- Ruben Lenten im Blog von Windfinder. windfinder.com
- Bockmann und Kollegen, Journal of Bodywork and Movement Therapies, 2025. PubMed
- Peter's Kiteboarding Handbook, "Choosing the right kite size". peterskiteboarding.com
- Kiteboardschool.nl, "Wanneer is het kitesurfweer" (Wann ist Kitewetter, niederländisch). kiteboardschool.nl